Ist Siebdruckfarbe vegan?

Marabu Siebdruckfarben

Hier das Zitat der Chemikerin eines sehr bekannten deutschen Farbenherstellers:

„Wir bestätigen, dass wir zur Herstellung unserer Druckfarben und Hilfsmittel keine Bestandteile von erst kürzlich verstorbenen oder noch lebenden Tieren, wie z. B. tierische Leime oder Kasein, verwenden. Bei den Rohstoffen handelt es sich entweder um Stoffe, die letztlich aus Erdöl gewonnen werden (petro-chemische Stoffe), oder aber um anorganische Stoffe, wie z. B. Kalk. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass bei der Entstehung des Erdöls auch tierische Bestandteile, z. B. von Dinosauriern, mit beteiligt waren. Ob deshalb die Produkte dann nicht als vegan anzusehen sind, ist uns leider nicht bekannt.“ Zitat Ende.

Okay, der Sachverhalt ist völlig korrekt, wenn auch ein wenig augenzwinkernd formuliert. Ist damit aber das Thema vom Tisch? Nein, denn die Fragen kommen – im Grunde ja erfreulicherweise – in immer kürzeren Abständen. Also wie lauten unsere Antworten?

Biologische Siebdruckfarbe?

Biologisch hergestellt oder biologisch abbaubar? Das sind zwei Paar Stiefel. Was wäre denn für Ersteres zutreffend? Rote-Beete-Saft? Der Extrakt von Purpurschnecken? Sicher bio, Letzterer aber nicht vegan. Wer will denn heute noch via Schnecken kaiserliches Purpur herstellen? Erstens unbezahlbar, zweitens hinsichtlich Tierschutz nicht mehr zeitgemäß. Also dann wenigsten biologisch abbaubar?

Bevor das beantwortet werden kann, muss man erst die Anforderungen betrachten, die wir heutzutage an moderne Siebdruckfarben stellen: Als oberstes Gebot eine exzellente Tesa- und Kratzfestigkeit. Gitterschnitt-Resultate G0 oder G1 wollen wir schon haben. Und das auf so gut wie jedem Substrat, das einem Siebdrucker unterkommen kann. Gefolgt von Abrieb-, Überlauf- und Scheuerbeständigkeit, gleich danach Beständigkeit gegen Handschweiß, Handcreme und Inhaltsstoffen, z. B. von Kosmetika oder Lebensmitteln.

Überlaufbeständigkeit gegen Benzin und Diesel an Tankstellen, Resistenz gegen alle möglichen Haushalts- und Industriereiniger. Dazu kommt noch Witterungsbeständigkeit gegen Regen, Frost, Hitze und UV-Strahlung. Die Palette an gewünschten Eigenschaften ließe sich noch weiterführen. Okay, sie werden nicht in Summe von einer Siebdruckfarbe verlangt. Trotzdem bin ich ein wenig neidisch auf die Papierdrucker (obwohl auch die mit Chromo-Oberflächen und seltsamsten Beschichtungen zu kämpfen haben).

Uns Siebdruckern wird aber alles Mögliche vorgelegt: Glas, Metalle, Kunststoffe aller Art, Textilien mit oder ohne Imprägnierungen, Gummi, Mineralien, dazu Oberflächen, welche oft genug uns unbekannte Lacke bedecken. Nun wissen wir alle, dass es da keine eierlegende Wollmilchsau, sprich eine Siebdruckfarbe gibt, die das alles abdecken könnte.

Forderungs-Katalog hinterfragen

Allerdings sollten wir uns schon fragen, ob z. B. die Forderung nach einer Creme-Beständigkeit für eine Kfz-Armaturenscheibe, die von hinten bedruckt wird, Sinn macht. Vor allem dann, wenn sich bewusst macht, dass weder der mit Handschuhen arbeitende Kfz-Monteur, noch der Endkunde – also wir Autofahrer – die Chance erhält, mit eingecremten Händen die Druckfarbe zu erreichen.

Ich habe schon Test-Verfahren beschrieben bekommen, die nichts, rein gar nichts, mit der tatsächlichen Verwendung zu tun haben. Wenn ich dann frage, warum man das so und nicht anders testet, ernte ich oft Schulterzucken oder den Satz „Das machen wir schon immer so.“ Wird uns nicht fast täglich der rasche Wandel der Arbeitswelt um die Ohren gehauen?

Darf da nicht die Frage gestellt werden, wieso ein sinnloser Test scheinbar ewig beibehalten wird (weil das ja so schön bequem ist)? …und der also den Einsatz einer in Richtung bio/vegan/ökologisch formulierten Farbe verhindern kann? Bevor wir uns also der Frage nach einer als biologisch zu betrachtenden Farbe stellen, sollten wir die angestaubten Bedingungen kritisch unter die Lupe nehmen und deren Sinnhaftigkeit auf einen realitätsbezogenen Testablauf* – oder in absehbarer Zeit gültigen – „Stand“ bringen.

*Upps: Haben wir nicht erst kürzlich durch den Diesel-Skandal vor Augen geführt bekommen, dass die Abgastests nichts mit der Realität zu tun haben? Wo können wir erst einmal bei uns ansetzen, zweckorientierte Prüfmethoden neu durchdenken und erst danach eine entsprechende Siebdruckfarbe auswählen? Und vielleicht feststellen: Oh, mein Farbhersteller/-lieferant hat hier was für mich.

Um auf die nicht ernst gemeinte Idee Rote-Beete-Saft zurückzukommen: Sie würde sicherlich so gut wie keine der vorgenannten Anforderungen an eine moderne Siebdruckfarbe erfüllen können. Wir wollen und müssen Produkte erzeugen, die dauerhaft – nachhaltig –, also langlebig sind und nicht nach Wochen oder Monaten schon Mängel zeigen oder völlig versagen. Was also tun?

Die Kunst des Weglassens

Hier liste ich ein paar (alphabetisch; kein Anspruch auf Vollständigkeit) Inhaltsstoffe auf, die nicht mehr Bestandteil einer Siebdruckfarbe sind oder es in Kürze nicht mehr sein werden:

Bisphenol-A – ein Stoff, der aktuell in aller Munde, äh, in der Diskussion steht. Ein Grundstoff, u. a. zur Herstellung von Polycarbonat. In vielen Alltagsgegenständen enthalten, z. B. in Babyschnullern, Plastikgeschirr, Konservendosen, Thermopapier (z. B. Kassenbons). Beim Farbenhersteller Marabu war Bisphenol-A nie Bestandteil einer Farbformulierung. Einige eingesetzte Rohstoffe, die in erster Linie zur Herstellung von Farben zur Glasbedruckung eingesetzt werden, enthalten dennoch minimalste Spuren des Stoffes, die aus dem Herstellungsprozess der jeweiligen Rohstoffe stammen. Marabu ist es jedoch inzwischen gelungen, eine Farbe zu entwickeln, in der diese Art von Rohstoffen nicht verwendet wird, und die dennoch sehr gut auf Glas haftet.

CAN – Cyclohexanon, ein noch vor Jahren weitverbreitetes Lösemittel, das eine wirklich tolle, fast schon universelle Lösekraft hatte und somit eine Haftung auf vielen Kunststoffen (nahe dran an der eierlegenden Wollmilchsau) ermöglichte. Seit etlichen Jahren hat man die Erkenntnis, dass CAN – wenn intensiv und auf Dauer eingeatmet – zu Hirnhautschädigungen führen kann.

Phthalat-Weichmacher für PVC – vor allem in Plastisol-Textildruckfarben enthalten – werden Zug um Zug durch Farbsysteme ersetzt, die diese Weichmacher, die im Verdacht stehen, fortpflanzungsgefährdend zu sein, nicht mehr enthalten. Wie misstrauisch müssen wir aber hier gegenüber den alternativen Weichmachern sein, die momentan eingesetzt werden? Wenn etwas aussieht wie Fisch, riecht wie Fisch, sich anfühlt wie Fisch und schmeckt wie Fisch, kööööönte man davon ausgehen, dass es auch Fisch ist! Wenn also alternative Weichmacher zuverlässig ihre Arbeit tun: Sind sie dann vielleicht genauso bedenklich wie die alten? Werden sie jetzt eingesetzt, weil einfach die Informationen zu bedenklichen Eigenschaften noch fehlen?

Risikoschwermetallhaltige Pigmente - waren und sind (noch) ein Thema für die keramischen Siebdrucker. Der Endverbraucher, der sein Bierchen aus einem solchen Glas/Krug trinkt, braucht keine Sorgen zu haben. Keramische Farben schmelzen absolut spülmaschinenfest an ein Glas. Der Siebdrucker und sein Farbmischer dagegen sollten aber beim Hantieren mit Pigmenten, die Risikoschwermetalle wie Blei oder Cadmium enthalten, unbedingt Schutzkleidung, vor allem Atemschutz tragen. Oder gleich auf Pigmente umstellen, die keine Risikoschwermetalle enthalten. Leider sind die etwas weniger brillant. Gottlob können wir seit Jahrzehnten bei organischen Siebdruckfarben auf risikoschwermetallfreie Pigmente zugreifen.

Toluol und Xylol – nur noch in Einzelfällen in Siebdruckfarben enthalten.

Mit diesen Beispielen erinnere ich daran, dass wir ja seit vielen Jahren etwas tun (siehe Marabu Umweltbericht – Auf dem Weg zur internationalen Nachhaltigkeit) und versuchen, die bedenklichen oder gefährlichen Bestandteile zu erkennen, zu eliminieren, mindestens zu minimieren und im Idealfall durch ökologischere Produkte zu ersetzen. In der Konsequenz bedeutet dies, dass eine eierlegende Wollmilchsau noch weiter in das Reich der Märchen rückt, und wir Siebdrucker uns für eine gestellte Aufgabe die bestmögliche Farbe auswählen und strikt nach den Vorgaben verarbeiten. Um uns und den Kunden vor Beeinträchtigungen zu schützen.

O. g. Liste ließe sich schier unendlich fortsetzen. Es ist daher unsere ständige Pflicht, angebotene Schutzmaßnahmen einzuhalten, Stoffe in der Art und Weise einzusetzen, wie es der Hersteller vorschreibt. Da „beißt die Maus keinen Faden ab“: Wir sind Bestandteil einer Produktionskette, die klare Vorgaben hinsichtlich der Eigenschaften eines Produktes und aller relevanten Verarbeitungsschritte bis zu diesem Ziel einhalten muss. Und das geht leider nicht mit Rote-Beete-Saft.

Am Ende bleibt aber die Tatsache, dass die Druckindustrie vor allem eine petrochemische Industrie ist. Wie schnell sich das in Richtung ökologische Verträglichkeit, Anwender- und Kundensicherheit wandelt, liegt an uns selbst. Wir sollten daher gerade für neue Farbserien - die den anfangs gestellten Fragen entgegenkommen oder gar entsprechen – ein offenes Ohr haben. Und die gibt es glücklicherweise in immer größerer Zahl. Hier eine Auswahl:

  • MaraTech MGO – ein Farbsystem für Metall und Glas ohne Härter. Keine Topfzeit. Keine Restfarbe, die es kostenpflichtig zu entsorgen gilt. Verwenden bis zum letzten Tropfen. Für sensible Anwendungen wie Babyflaschen geeignet. Ohne Einsatz von Bisphenol A (BPA) hergestellt. Erfüllung der Norm EN 71/3 erfolgreich getestet.
  • UltraPack UV-FP – Migrationsarme Formulierung mit sorgfältig ausgewählten Rohstoffen. Alle Inhaltsstoffe sind gelistet in der Schweizer “Verordnung des EDI über Bedarfsgegenstände” (SR 817.023.21). Entsprechen der “EuPIA Suitability List of Photo-Initiators for Low Migration UV Printing Inks and Varnishes” Teil 1A. Entsprechen der Nestlé Guidance Note on Packaging Inks. Pigmente entsprechen der Resolution AP (89)1. Keine Verwendung von Bisphenol A (BPA). Hergestellt nach den Anforderungen für den indirekten Lebensmittelkontakt der “EuPIA-GMP”
  • PAK-freies Schwarz – z. B. in der Farbserie MaraStar SR, das neue Schwarz SR 980
  • Dreamflash – Plastisol-Textildruckfarbe von TIFLEX, frei von PVC-Weichmachern

Fehlt eigentlich nur noch die Steigerung: „Sind Ihre Farben koscher?“

Autor: Werner Karl, Technischer Außendienst Schlee Siebdrucktechnik, Fürth i. Bay.

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